Café de Colombia - Reisebericht Fairer Handel

Café de Colombia – Tag 6

 

Am nächsten Morgen gibt es ein leckeres und reichhaltiges Frühstück mit einer speziellen heißen Schokolade, Suppe und den allgegenwärtigen Arepas, kleinen, salzarmen Fladenbroten. Die Arepas kommen ursprünglich wohl aus Venezuela, doch auch in Kolumbien sind sie sehr beliebt und weit verbreitet. Zubereitet werden sie meist aus Mais.

Reichhaltiges Frühstück bei unserer Gastfamilie.

Mit einem Jeep, der auf den steilen Hängen und bei Regen rutschigen Schlammwegen wirklich mal nötig ist, holen wir zwei weitere Röster ab. Sie haben die Nacht bei einem Ehepaar auf deren Finca  verbracht. Diese haben den Gästen sogar ihr eigenes Bett überlassen – unglaubliche Gastfreundschaft und ein sehr authentisches Erlebnis!

Bevor es wieder nach San Adolfo geht, bekommen wir noch eine kleine Führung durch die umliegenden Kaffeehänge.

Dann geht es zum Cupping. Der Prozess ist jedes Mal der gleiche: Der Kaffee wird frisch gemahlen und hier schon mal das Aroma getestet. Wie riecht er, kann man eine bestimmte Note erkennen? Doch Achtung: der Geruch und Geschmack können sich stark unterscheiden. Als nächstes wird das Kaffeepulver in Tassen oder Gläser gegeben und mit heißem Wasser aufgebrüht. Das Kaffeepulver steigt nach oben und bildet eine Art Kruste auf dem Glas. Nach vier Minuten geht es ans „Brechen“ – dabei wird die Kruste mit einem Cuppinglöffel gebrochen. Am besten hält man seine Nase dabei nah darüber, so riecht man die Aromen am intensivsten, denn diese sammeln sich unter dem Kaffeepulver. In diesem Moment ist das Aroma des Kaffees besonders gut wahrnehmbar, weshalb es eine kleine Ehre ist, das Brechen übernehmen zu dürfen.

Idealerweise werden zwei oder drei Gläser mit dem gleichen Kaffee zubereitet. Wenn man das Pech hat, dass in einem der drei Gläser das Pulver einer „defekten“ Bohne ist, kann man dieses Glas aussortieren und die anderen beiden verkosten. So überdeckt nicht die eine schlechte Bohne den eigentlichen Geschmack des Kaffees. Ein gewisser Prozentsatz an defekten Bohnen ist normal und auch kein Ausschlusskriterium, qualitativ hochwertiger Kaffee sollte jedoch besonders gut sortiert sein und somit nur einen sehr geringen Anteil an defekten Bohnen aufweisen.

Der Geschmack und die Qualität eines specialty coffees wird in Punkten bewertet. Auf der Skala der SCA (Specialty coffee association) kann ein Kaffee bis zu 100 Punkte erreichen. Ab 80 Punkten (vergeben durch extra geschulte Tester) darf der Kaffee sich specialty Kaffee nennen. Für diese Kaffees gibt es zahlreiche, qualitätsbewusste Konsumenten, die auch gerne bereit sind, etwas tiefer in die Tasche zu greifen. Für die Kooperativen in den Anbauländern und kleinere Röster bei uns lohnt sich hier das Motto „Klasse statt Masse“ auch aus wirtschaftlichen Gründen.

Andrés beim "Brechen".

Aber wie sieht es hier mit Bio oder Fairtrade aus? Schließlich gilt mein Interesse vor allem dem fairen Handel. Für mich ist die Einschätzung eines der Röster spannend: ab einer Qualität von 88 Punkten sei es für den Kunden irrelevant, ob der Kaffee ein Bio- oder Fairtrade-Siegel aufweise. In diesem Segment habe es sogar einen umgekehrten Effekt: Würde man einem expliziten Specialty Coffee Freak sagen, dieser Kaffee sei nun bio und fair, so wäre das eher ein No-go. Aber warum?

Ganz einfach: weil nach Ansicht des Rösters das System der Bio- und Fairtrade-Zertifizierungen die Qualität nicht honoriert. Geld gibt es für die Menge und für die Herstellung, für die faire Bezahlung der Arbeiter und den Verzicht auf die Verwendung beispielsweise chemischer Dünger. Aber nicht für die Qualität der Bohnen.

Paradox!

Und aus meiner Sicht auch mal wieder ein Zeichen für die Grenzen des Fairtrade Systems. Denn ganz offensichtlich lassen sich mit besserer Qualität beim Kaffee auch bessere Erträge erwirtschaften – was man beispielsweise an Specialty Coffee Produzenten wie Don Omar sieht. Warum gibt es keine Möglichkeit, das über Fairtrade zu machen? Immerhin gab es Bestrebungen der SCAA (Specialty Coffee Association America), den Gedanken des fairen Handels in ihren Statuten zu verankern[1] – doch ich denke, auch diejenigen, die die Fairtradezertifizierungen vergeben, müssen sich hier noch weiter bewegen.

Aber zurück zum Cupping nach San Adolfo, wo Xiomy nun vorschlägt, dass wir uns erstmal hinsetzen und ein bisschen von uns erzählen. Schließlich geht es bei Relationship Coffee eigentlich genau darum: um Augenhöhe. Zumindest theoretisch soll die Beziehung (relation) zwischen Konsumentin und Produzent gestärkt werden. Der Vorteil der Konsumenten ist ein besseres Produkt, das Wissen, wer  den Kaffee wie angebaut hat und damit ein besseres Gewissen. Der Vorteil des Produzenten eine bessere Platzierung am Markt und damit auch ein besseres Einkommen.

Unser Gespräch kommt nur schleppend in Gang. Es sind viele Leute im Raum, nicht immer ist klar, wer warum hier ist. Auch macht die Sprachbarriere (nicht alle aus unserer Gruppe sprechen Spanisch, viele Produzenten kein Englisch) die Kommunikation nicht einfacher.
Nebenbei wird weiter Kaffee probiert, Geschmacksnoten beschrieben („der dritte von rechts hat auf jeden Fall eine ganz tolle Grapefruitnote“), Sorten bewundert („mir schmeckt der bourbon rosado semilavado von der Finca Diviso am besten“) und viele Fotos gemacht.

Dann erzählt Röster Andrés von der Kooperative, und wie sie hier auf das Thema Specialty Coffee kamen. 2010 gab es in Kolumbien die „Leaf Rust Crisis“. Der „Kaffeerost“ ist ein Pilz, der Kaffeeblätter befällt und zu deren Absterben führt. 2010 führte das zu schlimmen Ernteausfällen. So waren die Bauern vor Ort gezwungen, zu überlegen, wie sie in Zukunft ihr Einkommen und Leben sichern konnten. Bessere Kaffeequalität, Diversifikation und Relationship Coffee schienen die Lösung. Und so stellten sie vom reinen, auf Masse ausgerichteten Arabica-Anbau um auf mehr Vielfalt. Sie experimentierten mit verschiedenen Sorten und bauten neue Handelsbeziehungen in die Konsumentenländer auf.

Und so sitzen nun eine Reihe von österreichischen und deutschen Einkäufern hier, testen Kaffee, machen Notizen und verhandeln mögliche Exportoptionen. Ob daraus am Ende eine Handelsbeziehung entsteht, wird sich allerdings erst im Laufe der Zeit zeigen – denn entschieden wird erst am Ende der Reise. Doch schon jetzt ist klar, dass die Umstellung auf Specialty Coffee auf jeden Fall zu einer besseren Qualität geführt hat.

Tag 6 – Nachmittag: der Cuppingmaster von Pitalito

Für uns geht es  schon wieder zurück in die Autos und nach Pitalito, wo wir den nächsten potentiellen Verkäufer treffen: José Joaquín, den ich auch für diesen Blog interviewt habe. Wir werden mit einem leckeren Mittagessen begrüßt.

Hier lernen wir auch Yilema aus San Augustin (berühmt für seine Felsskulpturen und mystischen Figuren) kennen. Sie vertritt eine reine Frauen-Kooperative, die aus 24 Indigenen, Vertriebenen und Bäuerinnen besteht. Die Kooperative, die ich und ein Großteil der Gruppe leider nicht besuchen konnten, weil unser Flug vor zwei Tagen gestrichen wurde. Nur 3 unserer Gruppe hatten das Glück vor uns hier gewesen zu sein und die Frauenkooperative besucht zu haben.

Yilema erzählt, wie glücklich sie  in ihrem Dorf und als Teil dieser Kooperative ist, wie toll ihre Nachbarn sind. Der Kaffee ermöglicht ihnen Unabhängigkeit. Mit 4 weiteren Frauen versuchen sie sich nun im Bereich des Ecotourismo. Für sie ist es eine weitere Einkommensmöglichkeit, bei der die Frauen vor Ort Führungen oder Übernachtungen anbieten, zusätzlich zu ihrem Kaffeeanbau. Buchen kann man über ihre Seite (hier klicken). Informationen gibt es auch via Facebook (hier klicken).

Hier kann man einen Urlaub bei Yilemas Frauenkooperative buchen.
Auch über Facebook erreicht man die Frauen von Tierra Activa.

Yilema wirkt dabei zurückhaltend und fast schüchtern und so wundern wir uns um so mehr, wie viel Stärke ihre Erzählungen erkennen lassen: Sie wollte gerne Bioanbau machen, aber die Föderation, deren Mitglied sie ist, fand das nicht gut. So verließ sie die Föderation.

Auch ihr Mann war von ihren Ideen nicht überzeugt. Also trennte sie von ihm um ihren Überzeugungen zu folgen. Sie und ihr Ex-Mann teilten die gemeinsame Finca also auf. So konnte jeder den Kaffe so anbauen, wie er es für richtig hielt. Ihr Mann konventionell und sie biologisch. Yilema lebt ihre Überzeugungen. Sie sagt, mit 40 Jahren müsse man sich entscheiden, was man wirklich will und dann danach handeln. Diese Einstellung hat sie dazu gebracht, ohne Ehemann und Kooperativa weiterzumachen.
Heute stellt sich heraus, dass es die richtige Entscheidung war – denn Bio ist DER Trend. Es ist besser für den Planeten und auch für die Kaffeebauern und -bäuerinnen, da sie dadurch die Chance haben, mehr zu verdienen.

Interessanterweise spielen die Männer in dieser Kooperative eine höchstens untergeordnete Rolle. Zum Teil sind die Frauen zwar in Partnerschaften oder auch verheiratet, doch das Geld, der Besitz und die Entscheidungsgewalt bleibt bei den Frauen.

Alexej vom Hamburger Kaffee Libertad Kollektiv  hat sie vor Ort besucht. Yilema erzählt nur kurz von sich, dann ist unsere Aufmerksamkeit schon wieder an anderer Stelle gefordert. Jose Joaquin wartet schon auf uns. Er serviert uns einen Espresso – der heute symbolisch als das Tor zur Kaffeeplantage stehe, der Eintritt in einer bitter-süße Welt (hier klicken um zum Interview mit Jose Joaquin zu kommen).

Und so nimmt uns der junge Mann mit auf die Plantage.

Er erzählt uns, dass er schon bei verschiedenen Cupping-Meisterschaften mitgemacht und vor einigen Jahren auch mal kolumbianischer Meister war. Er ist sichtlich stolz auf das, was er erreicht hat. Vielleicht besonders, da er aus einer einfachen Kaffeebauernfamilie kommt – sein Vater ist Analphabet.

Josés Vater zeigt uns ein spezielles Sieb.

 

Eben jenen Vater lernen wir kurz darauf bei der Besichtigung der Plantage kennen.
Seine Erklärungen und unsere Fragen drehen sich wieder um Anbau, Sorten, Ernte, Schädlingsbekämpfung.

José Joaquín und sein Vater führen uns herum, zeigen uns, wo der Kaffee gewaschen und getrocknet wird.

Und zum Schluss den ganzen Stolz der Kooperative – die Sortiermaschine. In einer riesigen Halle werden die Bohnen nach dem Trocknen mit einem „ojo automatico“ (wörtlich „elektronisches Auge“) anhand ihrer Farbe in gute und schlechte unterschieden.

Nur die guten Bohnen mit dem richtigen Farbton schaffen es später in die Rösterei – die wir direkt im Anschluss besuchen.

 

Hier befindet sich nämlich auch das Kaffeelabor, in dem wir Kaffee verkosten dürfen. José Joaquín erzählt ausschweifend, das Energielevel unserer Gruppe sinkt sichtlich. Man merkt den professionellen Kaffeetourguide ebenso wie den routinierten Kaffeeverkoster. Die Röster aus unserer Gruppe sind sichtlich irritiert, dass hier so viel Basiswissen vermittelt wird. Und so läuft der Abend für Jose Joaquin wohl nicht ganz so wie gewünscht. Es kommt kein netter Plausch zu Stande, die Röster finden keinen geschmacklich interessanten Kaffee und so verlassen wir das Labor unverrichteter Dinge.

José zeigt uns seine Maschinen im Kaffeelabor.

Auf dem Rückweg wir an einem kleinen Imbiss vorbei und machen Halt. Hier gibt es frisch gepressten „Guarapo“ – einen frisch gespressten Saft aus Zuckerrohr.

Er ist erfrischend, lecker und durch Vitamine und Mineralien weniger ungesund als man denken würde – aber eine kleine Kalorienbombe.

Mehr als der Saft selbst beeindruckt uns aber die hölzerner, mit Motor betriebene Presse. Nach diesem kurzen Aufenthalt geht es weiter.

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