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Café de Colombia – Tag 2 und 3

Nach einer angenehmen Nacht im örtlichen Hotel steigen wir auf die überdachte Ladefläche eines Pickuptrucks und werden zu Don Omar. Seine „Finca Flores“ gefahren, ist mit 42 Hektar gut 10mal so groß wie die von Doña Magdalena.

Omar berichtet uns von der Landflucht: die Menschen wollen auch in Kolumbien lieber in der Stadt leben, wo sie hoffen Arbeit zu finden und nicht für einen Hungerlohn Kaffee anbauen oder Kaffee ernten. Da Kaffee an der Börse gehandelt wird, ist der Kaffeepreis in Kolumbien auch durch dadurch beeinflusst, wie in anderen Teilen der Erde die Ernte ausfiel. Und aktuell ist durch eine gute Ernte in Brasilien der Kaffeepreis so niedrig, dass sich damit kein Gewinn erwirtschaften lässt. Nur wer fairtrade oder bio zertifziert ist, kann noch genug verdienen, um sein Überleben zu sichern. Zugleich steigt  der Konsum von sogenanntem specialty coffee. Unter Specialty Coffee meint einerseits spezielle Sorten, aber auch single origin, also einem Kaffee, der nur aus einem Ort kommt und keine Mischung enthält. Mittlerweile gibt es sogar mircolot Kaffees, das sind Kaffees, bei denen in einer Tüte nur der Kaffee eines einzigen Bauern oder sogar eines einzigen Hanges landet. Dafür müssen die Bauern aber nicht nur sortenrein anbauen und pflücken, sondern auch der komplette Transport muss immer so geschehen, dass keine Vermischung stattfindet. Ein hoher Aufwand – der bezahlt werden will. So kann ein Kilo Specialty Coffee schon mal 30 Euro kosten. Das erscheint im ersten Moment viel, ist jedoch am Ende günstig, wenn man sich bewusst macht, dass der umweltverschmutzende Nespresso Kapsel Kaffee bei etwa 60-80 €/kg liegt[1].

Immer mehr Erzeuger und Kooperativen in Kolumbien setzen auf Specialty Coffee und hoffen, durch die bessere Qualität am Ende einen höheren Preis zu erzielen. So auch Don Omar: bei der Verkostung schmeckt den Profis ein Kaffee besonders gut, der allerdings einen stolzen Preis von über 20 €/kg im Einkauf hat. Die Röster werfen sich anerkennende Blicke zu – lecker! Aber zu teuer, um damit in Österreich oder Deutschland noch ausreichend Gewinn zu machen.

Eine Frau trägt einen Sack.

Was den Kaffee hier, und auch bei Doña Magdalena, besonders macht, ist der Schattenanbau. Die Kaffeepflanzen wachsen im Schatten größerer und kleinerer Bäume wie z.B. Cambulos und Ocobulos. Das macht die Pflege der Plantagen aufwändiger und am Ende die Qualität des Kaffees besser.

Insbesondere für den Boden ist diese Anbauform wegen der Biodiversität von großem Vorteil. Denn so werden unter anderem nie alle Pflanzen von einer Krankheit befallen. Auf 20.000 Kaffeebäumchen kommen hier 600 Schattenbäume und 100 Bananenstauden.

Bananenstauden spenden den Kaffeebäumen Schatten.

Die großen, tiefwurzelnden Bäume helfen auch, die zum Teil sehr steilen Anbauhänge zu stabilisieren – zugleich machen sie es Schimmelpilzen aber auch einfacher, sich auszubreiten. Und noch ein Problem gibt es: der Klimawandel ist auch in Kolumbien spürbar. Es gibt längere Trockenzeiten als früher, dafür in anderen Jahreszeiten intensivere Regenfälle. Insgesamt sind die Wetterextreme größer geworden, was auch zu Schwankungen in der Kaffee-Ernte führt. Da hilft es nur wenig, dass die Bananen und Platanos (eine Art Kochbanane), ebenso der zusätzlich angebaute Kakao ein kleines Zusatzeinkommen generieren

Soweit also der Teil für den Kaffeebauern selbst. Doch wie sieht es mit den Pflückern aus?

Und was verdienen sie? Anders als bei den meisten Kaffeeplantagen bezahlt Omar pro Tag und nicht pro Kilo. Dadurch, so sagt er, könne er eine bessere Qualität sicherstellen. Denn wenn der Pflücker pro Kilo gezahlt wird, dann sei er immer versucht, auch die noch nicht ganz so reifen Kaffee-Kirschen zu pflücken. Und gerade bei den hohen Preisen des Specialty Coffee ist die Qualität enorm wichtig. 80 kg kann ein Pflücker an einem Tag schaffen, dafür bekommt er etwa 38.000 Pesos (umgerechnet etwa 10 €), bringt ihm jemand 100 kg, dann werde er misstrauisch – so Omar.

Avocados am Baum.
Die Frucht eines Kakaobaumes.
Knospen des Kaffeebaums.

Auf der Finca wird den Pflückern die Möglichkeit geboten, zu essen, doch das kostet sie 10.000 Pesos pro Tag. Ein Viertel des Tageseinkommens für’s Essen. Das erscheint mir viel, aber ich finde nicht heraus, wie viele Pflücker sich lieber selbst versorgen würden und ob sie in den Gemeinschaftsunterkünften – die nun in der Nebensaison verwaist und staubig daher kommen – überhaupt die Möglichkeit dazu hätten.
Für Omar und seine Familie scheint
der Kaffeeanbau ein einigermaßen lohnendes Geschäft zu sein. Wir besuchen seine Schwester mit Kindern und seine Mutter in ihrem „Sommerhäuschen“ auf der Finca – es ist bunt und voller Blumen.

Aber nicht für alle hier in der Region lohnt sich der Kaffeeanbau – sein Nachbar habe seinen Kaffee gerodet und sich eine Kuh angeschafft. Einige aus unserer Gruppe schauen verständnislos – wie kann man nur? Jemand anders findet es verständlich, denn die Kuh, die ginge eben in den Schatten, wenn ihr zu heiß ist. Der geringe Kaffeepreis im aktuellen Jahr tut sein übriges.

 

Überall bunte Farben im Sommerhäuschen von Omars Familie.

Deswegen lohnen sich für Produzenten wie Omar der direkte Handel mit Importeuren aus Europa. Bei den meisten Verträgen werden 60 % des Preises angezahlt, damit Omar die Arbeiter bezahlen kann. Die restlichen 40 % werden fällig, sobald der Kaffee in Europa angekommen ist. Der Vorteil für die Importeure ist, dass sie bei direct trade in der Regel eine bessere Qualität bekommen und zudem für viele Kunden in Europa die Geschichten der Anbauer ein zusätzliches Kaufargument sind.

Klar: diese Geschichten sind natürlich gefärbt. Es sind die Erfolgsgeschichten von Doña Magalena und Don Omar. Beide gebildete Leute, die eigentlich in der Stadt wohnen oder wohnten und den Kaffeeanbau entweder als Investment sehen oder als Hobby.

Die Geschichte der Kleinbauern mit bis zu 3 Hektar, die für die Umstellung auf Bioanbau finanzielle Unterstützung bekamen, erzählt keiner. Obwohl es ein Projekt der Regierung war, auch Ex-Guerillas und Ex-Paramilitärs ein legales Einkommen zu ermöglichen.

Alte Spielsachen, vielleicht von der Tochter des venezolanischen Ehepaares, das sich um die Finka kümmert.

Auch nicht erzählt wird die Geschichte des venezolanischen Ehepaars, das auf der Finca von Don Omar lebt und dort für Ordnung sorgt. Kein Wort von der kleinen, recht ungepflegten Küche mit rußigen Wänden vom offenen Feuer. Die beiden halten sich während unseres Besuches im Hintergrund. Der Fernseher läuft, während die kleine Tochter auf dem Boden spielt. Diese Geschichte  erzählt niemand. Auch ich nicht, denn ich beobachte die beiden nur und frage nicht nach.

 

Omar erwähnt sie nur am Rande. Weil auch er in Kolumbien kaum noch jemand findet, der so abgeschieden leben und sich um die Finca kümmern möchte, die in der Nebensaison recht verwaist daher kommt, lebt hier nun dieses venezolanische Ehepaar. Aus ihrem Heimatland, einst eines der reichsten Länder Lateinamerikas, mussten sie fliehen, weil dort durch Misswirtschaft große Armut herrscht. Hier haben sie nun vorübergehend Arbeit und Unterschlupf gefunden, doch was das für sie bedeutet? Ich weiß es nicht.

Aber der Kaffee von Don Omar ist gut, und auch die Geschichte drumherum kommt bei den Röstern gut an, einige würden gerne bei ihm kaufen. Und dafür sind wir schließlich hier. Es werden also noch die Konditionen für mögliche Lieferungen an den Hafen verhandelt und dann geht es auch schon wieder weiter – zurück nach Bogotá, der Hauptstadt Kolumbiens.

Auf dem Weg halten wir an einem kleinen Ort mit den typisch bunten Häusern, besuchen einen Wasserfall, machen ein paar Fotos und probieren eine süße Creme aus Kaffee.

In Bogotá haben wir eine Nacht Aufenthalt, bevor wir am nächsten Tag weiter nach Pitalito im Department Huila, ziemlich im Süden Kolumbiens, fliegen.

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