Fairtrade - Fairer Handel - Comercio Justo

Von weiten Wegen und steilen Hängen

Eine Reise zu den kolumbianischen Wurzeln des Trierer Stadtkaffees

Es ist Sonntagmittag, ein heißer Tag, von dem wir auf den kurvigen Straßen in unserem kleinen, klimatisierten Mietwagen noch nicht so viel bemerkt haben. Über zwei Stunden hat die 104 Kilometer lange Strecke von Medellín (sprich: Medejin), der Provinzhauptstadt Antioquias (einer der größten Kaffeeregionen Kolumbiens) hierher nach Ciudad Bolivar gedauert. Immer wieder war die Straße durch kleine Erdrutsche, Aufräumarbeiten, Baustellen oder langsame fahrende LKWs versperrt. Die Busfahrer, die ihre fröhlich-bunten Busse durch die Landschaft lenken, hält das jedoch keineswegs davon an, immer wieder in waghalsigem Tempo zu überholen. Ja, das ist Kolumbien.

Wir sind heute auf der Spur des Trierer Stadtkaffees unterwegs, wollen erfahren, wo er angebaut wird und welche Menschen ihn produzieren. Verabredet sind wir mit Juan, dem Manager der beiden Haciendas „El Encanto“ und „La Claudina“, auf denen das „schwarze Gold“ angebaut wird. Angekommen in Ciudad Bolivar, sind wir positiv überrascht. Es ist eine lebendige kleine Stadt, deren Zugangsweg von Hotels und Haciendas gesäumt ist – doch die auf uns überhaupt nicht touristisch wirkt.  

Wir sind Kaffeekultur – Stadt Bolivar

Der zentrale Platz der Stadt, angenehm beschattet von wunderschönen großen Bäumen, ist voller Menschen, die in den zahlreichen Cafés oder auf Treppenstufen sitzen oder einfach in kleinen Gruppen herumstehen. Das Leben in Kolumbien findet draußen statt, denn es ist warm und es könnte ja sein, dass man etwas verpasst, wenn man daheim bleibt. Die Menschen hier sind gesellig und offen.
Juan holt uns ab und wir gehen zunächst etwas essen. Es ist ein typisch kolumbianisches Mittagsmenü, bestehend aus einer schmackhaften Fischsuppe, gefolgt von leckerem, paniertem Fisch, köstlichem Kokosreis, etwas gebratener Banane und einer Arepa (einer Art kleinen Fladenbrots aus Mais). Nebenbei unterhalten wir uns über Kaffee, über Fairen Handel, Direktimport, über Juans Studienaufenthalt in Heidelberg und seine Arbeit als Barista in Luxemburg. Im Gespräch wechseln wir zwischen Deutsch, Englisch und Spanisch, jede Sprache hat mal Vor- und mal Nachteile für unsere Kommunikation.
Zum Abschluss gibt es noch ein kleines süßes Dessert – irgendwas mit Zimt, wie so oft hier. Und dann fragt uns Juan, ob wir Lust auf einen Kaffee haben. Aber na klar!

Also geht es ins Labor, wo er und seine Kollegen uns verschiedene Kaffeesorten und verschiedene Filtermethoden probieren lassen. Chemex, V70 – alles da. Ob sie auch den typisch deutschen Melittafilter kennen? Selbstverständlich, aber für ihren Kaffee bevorzugen sie einen anderen, bei dem das Wasser etwas länger auf dem Pulver steht, bevor man es in die Kanne abfließen lässt. Liebevoll wird zunächst das Filterpapier gespült und die Kanne zugleich leicht vorgewärmt. Dann erst kommt der hier angebaute, geröstete und gemahlene Kaffee in den Filter – frischer geht es nicht. Wir trinken eine andere Röstung als die, die wir in Trier kaufen konnten, hier wird der Kaffee etwas schwächer getrunken als bei uns in Deutschland. Und er schmeckt ein bisschen säuerlich. Juan lächelt, ja, das sei spezifisch am kolumbianischen Kaffee, die fruchtige, leicht säuerliche Note. Wir bewundern das Labor und staunen über die verschiedenen Verpackungen, die wir hier sehen, von Kolumbien in die ganze Welt!

Verschiedene Verpackungen. Trierer Stadtkaffee: dritte von rechts.

„Etwa ein Drittel unseres Kaffees geht nach Trier, insbesondere als Trierer Stadtkaffee. Das ist gut, weil wir dort einen festen Preis bekommen, der Kaffee ist für euch ja Direktimport, es gibt also keine Zwischenhändler, die auch noch etwas verdienen wollen. Wir würden gerne noch viel mehr Kaffee so verkaufen, die Nachfrage dürfte ruhig höher sein.“
Doch auf keiner der  Packungen sehe ich ein Fairtrade Siegel. Das hatte ich schon beim Trierer Stadtkaffee vermisst, also frage ich nach. „Ja, wir sind nicht fairtrade zertifiziert, das stimmt. Aber ich zeige dir, warum das besser für beide Seiten ist“, sagt Juan und stellt sich mit einem Stift an eine Glastafel an der Wand. Er malt mir Zahlen und Grafiken, Jahre, Produktions- und Abnahmemengen auf.

Am Ende verstehe ich seine Einstellung: Fairtrade ist prinzipiell eine gute Sache, sie legt den Fokus darauf, dass wir in den Industrieländern oft viel zu wenig für Produkte wie Kaffee, Obst, Blumen, Gewürze und vieles mehr aus den Ländern des globalen Südens zahlen. So erhöht das Fairtradesiegel das Bewusstsein für diesen Missstand und über die Fairtradeprämie auch ganz direkt den Gewinn des Produzenten. Doch es gibt auch Nachteile: so muss der Exporteur die Kosten für die Zertifizierung aufwenden, für viele, gerade kleinere Produzenten eine unüberwindbare Hürde. Dazu kommt, dass Fairtrade, UTZ oder die Rainforest Allianz nur eine Fairtradeprämie von ca. 20 cent (fairtrade) zahlen! Der Rest des Preises beispielsweise des Kaffees, unterliegt aber weiterhin den jeweiligen Preisen am Weltmarkt. „Und du kannst dir sicher vorstellen, dass auch die Produktion natürlichen Schwankungen unterliegt. 2017 und 2018 waren zum Beispiel katastrophal schlechte Jahre für uns. Da haben wir fast 40 % weniger Kaffeebohnen ernten können als sonst. Die Marktlogik sagt, dass wir dann eigentlich nahezu den doppelten Preis nehmen müssten. Aber so funktioniert es nicht, denn wir haben ja Konkurrenz rund um die Welt und nicht in allen Ländern waren die Ernten schlecht. Zum Glück haben wir zumindest den Festvertrag mit Alfons Schramer (Geschäftsführer, Mondo del Caffè)[1], der garantiert uns ein gewisses Basiseinkommen, da wir einen Festpreis haben, der je nach Qualität des Kaffees zwischen fünf und sieben Euro achtzig pro Kilo liegt. Der Preis orientiert sich nicht am Weltmarktpreis und schwankt daher auch nicht so stark. Aber die letzten beiden Jahre waren trotzdem im Prinzip ein Verlustgeschäft für uns. Insgesamt ist das ganze Fairtrade System sehr eurozentrisch ausgerichtet und das ist für uns äußerst ungünstig.“ „Und“ ergänzt Juan, „wir haben zwar nicht das Siegel, aber Alfons Schramer war gemeinsam mit Nikolaus Bieger (rural development manager) hier und die beiden haben alles anhand der Standards der FLO[2] geprüft.“ Ich erinnere mich, dass ich den Prüfbericht online auf der Seite des Trierer Stadtkaffees gesehen habe[3].

Nachdenklich trinken wir unseren inzwischen erkalteten Kaffee. Ganz schön unfair, denke ich – denn ich habe noch nie mitbekommen, dass der Preis von Kaffee plötzlich auf das Doppelte angestiegen ist. Eigentlich wurde er über die Jahre gefühlt eher billiger. Im Discounter habe ich Kaffee mit dem Fairtrade und dem Biosiegel für unter 10 € pro Kilo gesehen [4] – wie kann so etwas gehen? Wahrscheinlich gar nicht, jedenfalls nicht wirklich fair für alle Menschen entlang der Produktionskette.
Wir als Konsumenten bekommen irgendwie so wenig von den Produktionsbedingungen und Problemen der Kaffeebauern mit. Wir sitzen weiterhin auf dem Boxhagener Platz in Berlin, dem Darmstädter Markplatz, dem Münchner Viktualienmarkt oder in der Neuen Straße in Trier und trinken unsere Latte Macchiato, unseren Espresso oder auch Filterkaffee und der Preis verändert sich nicht so drastisch wie er es aufgrund der manchmal extremen Ernteausfälle müsste.

Doch bevor wir zu sehr in Gedanken über die Ungerechtigkeit zwischen Produzenten- und Konsumentenländern verfallen, ist der dynamische Juan schon beim nächsten Programmpunkt „So, jetzt geht’s auf die Kaffeeplantage, bevor es dunkel wird“ ruft er und wir packen unsere Sachen. „Ich kann euch leider nicht direkt die Plantage zeigen, auf der wir den Trierer Stadtkaffee anbauen, dafür ist es schon zu spät und wir müssten weit laufen. Deshalb fahren wir jetzt mit meinem Auto zu einem Freund von mir, dessen Plantage ist etwas näher und man kann bis nach oben fahren“. Ich bin ein bisschen enttäuscht, denn ich war neugierig, wo ganz exakt unser Kaffee angebaut wird. Doch als ich auf die Uhr sehe, wird mir klar, dass wir nur noch 2 Stunden Sonnenlicht haben werden, denn hier wird es schon um kurz nach 18 Uhr dunkel (das ganze Jahr über, da der Äquator Kolumbien schneidet). Also steigen wir in den Jeep und während wir den steilen und steinigen Weg hinaufholpern frage ich mich, wie die Kaffeehänge von Juans Hacienda erst aussehen mögen, wenn dies hier eine gut erreichbare Plantage ist.

Zunächst halten wir am Fuße des Hügels, auf dem die Kaffeeplantagen angelegt sind und werden von zwei Hunden schwanzwedelnd begrüßt. Wir bewundern den Garten, in dem auch ein Mangobaum steht, selbst die unreifen, grünen Früchte riechen schon lecker. Dann laufen wir ein Stück weiter, zur Aufbereitungsanlage für den Kaffee. Es riecht leicht alkoholisch, und in einem der Becken schwimmen Kaffeebohnen in schaumigem Wasser.

Reinigung und Fermentierung des Kaffees.

In diesen Hallen wird der Kaffee gewaschen, fermentiert, geschält und getrocknet, bevor er in Säcken verpackt für den Export bereit ist. Wir gucken überall hinein und machen Fotos, während uns Juan den Prozess erklärt [5] und alle Fragen beantwortet.

Schließlich geht es mit dem Geländewagen nochmal ein Stück den Hügel weiter hinauf, an manchen Stellen eine echte Herausforderung für Gefährt und Fahrer, doch nach nur fünf Minuten kommen wir schließlich an einen Punkt, wo es per Auto nicht mehr weiter geht. „Und wie kommen die Pflücker hierher?“ frage ich mich und Juan. „Die meisten haben Motorräder mit denen sie ganz gut hier hochkommen. Aber dann ist es natürlich eine ziemliche Knochenarbeit. Bei jedem Wetter, bei brütender Sonne genauso wie in strömendem Regen wird hier gepflückt. Heute ist Sonntag, es sind keine Arbeiter auf den Plantagen und außerdem wird jetzt im Februar nicht so viel reif, nur etwa 30 bis 40 Kilo pro Tag. Die Haupterntezeiten sind Juni bis Juli und Oktober bis Dezember.“ „Und was verdient dann so ein Pflücker?“ will ich wissen. „Die Pflücker hier sind überwiegend Saisonarbeiter, viele kommen aus der Region, sogar aus dem Dorf, aber einige kommen auch nur für die Ernte hierher. Und bezahlt werden sie nach Leistung, pro Kilo bekommen sie 500 bis 600 kolumbianische Pesos, was 15 bis 18 Eurocent entspricht. Ein Pflücker kann 150 bis 250 Kilogramm Kaffeekirschen pro Tag pflücken und also zwischen 22,5 und 45 Euro pro Tag verdienen“. Das System ist also wie bei fast allen Erntehelfern, wie in Deutschland beim Spargel zum Beispiel, denke ich. Den gesetzlichen Mindestlohn von 828.116 kolumbianischen Pesos [6] (entspricht etwa 235,7 €) hätten die Erntehelfer damit also spätestens nach 11 Tagen Arbeit erreicht.

Im Moment ist es idyllisch, man sieht die grünen Hänge, kein Mensch ist hier und an den wunderbar grünen Kaffeebäumchen strahlen einige wenige, knallrote Früchte. „Probier die mal“ sagt Juan und hält mir eine reife Kaffeekirsche unter die Nase. Vorsicht knabbere ich daran herum, eigentlich ganz lecker. Außen irgendwie fruchtig, dann süß und die jetzt noch grüne Kaffeebohne schmeckt nur sehr entfernt nach dem, was einmal morgens in meiner Tasse landen wird. „Es gibt mittlerweile sogar Tee aus der Kaffeekirsche [7], aber das produzieren wir hier nicht.“

So langsam geht die Sonne am Horizont unter, also wird es Zeit, sich im Jeep auf den Weg ins Dorf zu machen, wo wir im plötzlich einsetzenden Starkregen ankommen. Bei einem letzten Kaffee verabschieden uns, nehmen uns aber fest vor, uns im kommenden Sommer auf dem World Coffee Festival in Berlin wiederzusehen. Ich bin gespannt, was Juan dann von der neuen Ernte und den endlosen Kaffeehügeln zu berichten hat. Während sich unser Weg auf den kurvigen Straßen nach Medellín schlängelt sind wir uns einig: es war ein toller Tag und ein spannender Besuch. Hoffentlich wird es in Zukunft noch mehr solche deutsch-lateinamerikanischen Direktkontakte geben, die den Menschen in Deutschland einen guten Kaffee zu einem guten Preis anbieten und den Menschen in Kolumbien ein Einkommen ermöglicht, von dem sie auch leben können. Bis dahin wünsche ich mir, dass noch mehr Trierer erkennen, welche Perle sie mit ihrem Stadtkaffee haben. Ein Produkt, nur für sie in Kolumbien zu fairen Bedingungen angebaut, nach Trier gebracht, liebevoll geröstet, und das alles von Menschen, die sich untereinander und Trier persönlich kennen – was könnte man sich mehr wünschen?


[1] https://www.mondodelcaffe.de/

[2] FLOcert, die „globale Zertifizierungsgesellschaft für Fairtrade“, https://www.flocert.net/de/

[3] http://www.vonfuertrier.de/reisebericht/index.html

[4] https://www.aldi-sued.de/de/sortiment/lebensmittel/fairtrade-sortiment/detailseite/ps/p/one-world-bio-fairtrade-caffe/ (Abgerufen am 11.4.2019)

[5] Wer sich für Details beim Fermentationsprozess interessiert, dem sei folgende Seite empfohlen: https://www.roastmarket.de/magazin/die-fermentierung/

[6] https://www.wko.at/service/aussenwirtschaft/mindestlohn-und-steuerreform-kolumbien-2019.html

[7] https://schneid-kaffee.de/Kaffeekirschentee

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3 Comments

  1. Danke für den Artikel! Ja der Trier-Kaffee ist ein gutes Beispiel für solidarischen Handel, es gibt ihn übrigens nicht nur direkt bei mondo des Caffee, sondern auch in anderen Geschäften in Trier und Region und auch im Weltladen der AGF Pfützenstr. 1 in Trier: http://www.agf-trier.de

  2. […] Von weiten Wegen und steilen Hängen […]

  3. Kaffeefreund says:

    Toller Artikel und klasse Initiative

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