Fairtrade - Fairer Handel - Comercio Justo Interviews auf Deutsch

Interview mit Natalie Weiß aus Österreich

Natalie, gebürtige Oberösterreicherin, hat jahrelang bei einer NGO gearbeitet und importiert nun ihren eigenen Kaffee. Ich lernte sie bei einer Kaffeeverkostung in Santa Marta, Kolumbien kennen. Lies hier, was sie über Kaffee und fairen Handel denkt.

1. Wie bist du auf das Thema Kaffee gekommen?

Vor vier Jahren besuchte ich die kolumbianische Kaffee-Region zum ersten Mal und hatte die Möglichkeit die Umweltorganisation Serraniagua, die mit Kaffeebauern und -bäuerinnen zusammenarbeitet, kennen zu lernen. Dort bekam ich erstmals einen Kaffee direkt von der Finca serviert. Das hat mich beeindruckt.

Kaffee wird hier für den lokalen Markt produziert und in einem Café vor Ort angeboten. So entstand meine Idee, diesen leckeren Kaffee direkt von der Finca nach Österreich zu bringen und startete das Projekt nulldiebohne[1]. Ich machte mich 2019/2020 mehrere Monate auf eine Reise zum Kaffee nach Kolumbien, um alles über Kaffee zu erfahren – vom Anbau, dem Arbeitsprozesse auf der Finca bis hin zum Rösten der Bohnen. Von nun an bin ich überaus begeistert von Kaffee.

2. Was hast du vor deinem „Kaffee-Leben“ gemacht?

Nach meinem Studium „Internationale Entwicklung und Umweltmanagement“ habe ich mehrere Jahre als Projektleiterin für verschiedene Projekte zum Thema Klimawandel, nachhaltige Mobilität und Erwachsenenbildung für eine NGO gearbeitet. Das Thema Ernährungssouveränität und nachhaltige Landwirtschaft begleitet mich seit meinem Studium, weshalb ich mich nun auch genauer mit dem Thema Kaffee auseinandergesetzt habe.

3. Was ist für dich das Wichtigste am Kaffee?

In einer Tasse Kaffee stecken sehr viele wichtige Arbeitsschritte, die die Qualität von Kaffee beeinflussen. Für mich sind ein nachhaltiger, biologischer Anbau und ein fairer Preis für die Kaffeebohnen besonders wichtig.

In den letzten 30 Jahren haben sehr viele Kaffeebauern und -bäuerinnen den Anbau von Kaffee wegen der niedrigen Preise aufgegeben. Wo kein Anbau – da kein Kaffee.

Gleichzeitig sind auch die Kaffeebauern und -bäuerinnen den Folgen des Klimawandels ausgesetzt und müssen sich anpassen. Durch die nachhaltige Kultivierung von Kaffee im Schattenanbau[2] wird im Kreislauf der Natur eine zukunftsfähige Landwirtschaft betrieben. Die Landwirtinnen und Landwirte sind dadurch besser an den Klimawandel angepasst und profitieren von den schattenspendenden Bäumen, die extreme Sonneneinstrahlung abhalten, starke Regengüsse auffangen und Kälteeinbrüchen abschirmen.

Natürlich ist auch ein sauberer Arbeitsprozess auf der Finca und das Rösten besonders wichtig für eine gute Kaffeequalität. Wenn man noch dazu weiß, woher der Kaffee kommt, schmeckt er gleich noch viel besser.

4. Wie trinkst du selbst deinen Kaffee (am liebsten)?

Am liebsten Filter-Kaffee, ohne Milch und ohne Zucker.

5. Was hältst du vom Thema „fairer Handel“?

Faire Preise sind für die Kaffeebauern und -bäuerinnen das um und auf! Der Kaffeepreis ist sehr variable – da er an der Börse gehandelt wird – und er ist vor allem in den letzten Jahren sehr niedrig. Für viele Kaffeebauern und -bäuerinnen rentiert sich der Kaffeeanbau nicht mehr, sie versuchen ihr Glück mit anderen landwirtschaftlichen Produkten oder ziehen in die Stadt.
 
Der Trend zu Single Origin[3] und Direct Trade[4] ist im Kaffee Business angekommen. Gut so! Denn je direkter die Handelsbeziehung, desto verlässlich werden faire Preise für die Kaffee Bohnen bezahlt.

Für mich geht es sogar noch einen Schritt weiter. Mit dem Projekt nulldiebohne wird auch die Verarbeitung von Kaffee im Ursprungsland belassen. Dabei bleibt ein möglichst großer Teil der Wertschöpfung in Kolumbien, Arbeitsplätze werden geschaffen und die lokale Wirtschaft gestärkt. Die Ressourcen werden dabei nicht mehr nur aus dem globalen Süden bezogen, sondern auch im Ursprungsland verarbeitet. Gemeinsam mit der Umweltorganisation vor Ort schaffen wir dadurch eine faire, direkte und nachhaltige Handelsbeziehung zu den Kaffeebauern und -bäuerinnen in Kolumbien und ermöglichen eine nachhaltige Entwicklung der lokalen Gemeinschaft.

6. Gibt es noch etwas, das du erzählen möchtest?

Ich denke, in Zukunft wird es immer wichtiger  zu wissen woher unsere Lebensmittel kommen. Mit der third-wave-coffee Bewegung wird schon viel zur Konsumhaltung von Kaffee beigetragen und das Bewusstsein geschaffen, was guten Kaffee ausmacht. Wir müssen uns vor allem auch mehr Gedanken über einen nachhaltigen und zukunftsfähigen Anbau von Kaffee machen. Konventionelle Monokulturen mit vielen chemischen Spritzmitteln laugen die Ressourcen unseres Planeten aus – und wie wir alle wissen – there is no planet B.

KONTAKT
Natalie Weiß
+43 650 2214527
mail@nulldiebohne.coffee
www.nulldiebohne.at

FB: https://www.facebook.com/nulldiebohne/
Instagram: https://www.instagram.com/nulldiebohne_/


[1] www.nulldiebohne.at

[2] Beim Schattenanbau werden zwischen die Kaffeebäume auch große Schatten spendende Bäume gepflanzt, zum Teil Bananenstauden, aber auch andere Bäume. Der Schattenanbau gilt als „Königsdisziplin“, ist aber zeitintensiver und aufwändig, weshalb die meisten Plantagen weltweit ohne Schattenbäume sind.

[3] Single Origin ist ein Kaffee, der nur aus einer einzigen Region kommt, häufig sogar nur von einem einzelnen Bauern, manchmal sogar (wie bei Wein) nur von einem ganz bestimmten Hang. Im Gegensatz dazu sind die meisten Kaffees, die gekauft werden sogenannte „Blends“ (Mischungen), die von verschiedenen Anbauer*innen oder sogar aus verschiedenen Regionen weltweit stammen.

[4] Direct Trade bedeutet, dass der Importeur oder Röster direkten Handel mit den Kaffeebauern und –bäuerinnen betreibt. Zu Direct Trade siehe auch den Artikel „Besuch beim Café Libertad Kollektiv in Hamburg“ (http://fairtradeajourney.org/2020/01/22/besuch-beim-cafe-libertad-kollektiv-in-hamburg/ )

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