{"id":1846,"date":"2020-01-22T17:01:02","date_gmt":"2020-01-22T16:01:02","guid":{"rendered":"https:\/\/fairtradeajourney.org\/2020\/01\/22\/besuch-beim-cafe-libertad-kollektiv-in-hamburg\/"},"modified":"2022-02-22T12:07:07","modified_gmt":"2022-02-22T11:07:07","slug":"besuch-beim-cafe-libertad-kollektiv-in-hamburg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/fairtradeajourney.org\/en\/besuch-beim-cafe-libertad-kollektiv-in-hamburg\/","title":{"rendered":"Visiting the &#8220;Caf\u00e9 Libertad&#8221; collectiv in Hamburg"},"content":{"rendered":"\r\n<p>Ein bisschen schwierig zu finden war er schon, der Eingang zum Caf\u00e9 Libertad Kollektiv hier in Hamburg-Altona \u2013 eher unscheinbar sehen die Hallen aus und auch das Schild ist eher dezent. Doch als ich dann da bin und Alexej gefunden habe, der heute mein Ansprechpartner sein wird, bin ich beeindruckt. Ich h\u00e4tte nie gedacht, dass die Halle dann doch so gro\u00df ist. Das ergibt jedoch Sinn denn schlie\u00dflich lagern hier die Kaffees\u00e4cke\u00a0 palettenweise.<br \/>Aber halt stop, nochmal von vorne. Wo bin ich \u00fcberhaupt und worum geht es Caf\u00e9 Libertad Kollektiv?<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Entstanden ist die Gruppe in den 90ern, damals gab es erste Unterst\u00fctzungsbestrebungen aus Deutschland f\u00fcr die zapatistische Bewegung in Mexiko, die 1994 durch einen bewaffneten Aufstand internationale Aufmerksamkeit erlangte.<a href=\"#_edn1\">[i]<\/a> Die in basisdemokratischen Gruppen organisierten Indigenen wehren sich gegen Landraub. Damals hatten sie jedoch zun\u00e4chst wenig, womit sich handeln und so ein Einkommen erzielen lie\u00df \u2013 au\u00dfer Kaffee.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Und so brachte eine Gruppe Deutscher nach einem Besuch bei den Zapatistas also 10 Sack Kaffee mit nach Deutschland, r\u00f6stete ihn, verkaufte ihn in Deutschland und spendete das Geld zur\u00fcck nach Mexiko. Aus diesem ersten Sozialprojekt wurde durch jahrelange Kooperation und Zusammenarbeit das Caf\u00e9 Libertad Kollektiv, das heute 13 Menschen (in Hamburg) besch\u00e4ftigt.\u00a0 Im Kollektiv entscheiden alle alles gemeinsam und alle haben das gleiche Lohnniveau, egal, ob sie Marketing machen, Rechnungen schreiben oder die Kisten f\u00fcr Kundenbestellungen packen. 80 % der Ums\u00e4tze kommen aus Kundendirektbestellungen. Der Direktimport \u2013 (Direkthandel, mit\u00a0 Fokus auf solidarischem Handel) bildet eine wichtige Grundlage der Solidarit\u00e4t. Denn so fallen die Kosten f\u00fcr Zwischenh\u00e4ndler weg, die beim Kaffeeimport sonst einen Gro\u00dfteil des Preises ausmachen und mit dazu beitragen, dass die Bauern und B\u00e4uerinnen oft viel zu wenig Geld f\u00fcr ihre Arbeit erhalten.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>\u201eBeim Handel ist uns Augenh\u00f6he wirklich wichtig. Aber\u201c, r\u00e4umt Alexej ein, \u201eganz auf Augenh\u00f6he kriegen auch wir nicht hin. Es gibt einfach ein systemisches Abh\u00e4ngigkeitsverh\u00e4ltnis, das k\u00f6nnen wir in letzter Konsequenz leider nicht \u00e4ndern. Doch unsere Form des solidarischen Handels geht auf jeden Fall einen guten Schritt weiter als die des fairen Handels. Denn wir bieten nicht nur eine Vorfinanzierung von bis zu 60% und eine langfristige Zusammenarbeit an, wir suchen Kooperativen auch ganz konkret danach aus, dass sie basisdemokratisch organisiert und politisch aktiv sind.\u201c So soll der Handel nicht nur zu einer verbesserten Einkommenssituation der Handelspartner f\u00fchren, sondern auch politische Ideen und gelebte Utopien unterst\u00fctzen. \u201eWir arbeiten auch nicht mit Privatpersonen zusammen, denn wir wollen ja nicht einige wenige \u00a0Gro\u00dfgrundbesitzer vor Ort unterst\u00fctzen. Mit dem Kriterium\u00a0 der \u201epolitischen Aktivit\u00e4t\u201c sto\u00dfen wir auch manchmal an unsere Grenzen. In Tansania zum Beispiel sind Kooperativen aufgrund der realsozialistischen Vergangenheit ganz anders organisiert.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>In Lateinamerika ist das ganz anders, viele Bauern sind in Kooperativen organisiert. Dort haben wir eher ein anderes Problem, n\u00e4mlich die Konkurrenz. In einem Jahr, in dem es wenig Kaffee gibt, sind die fahrenden H\u00e4ndler, auch &#8220;Coyoten&#8221; genannt, besonders aktiv. Das sind Zwischenh\u00e4ndler, die direkt die Bauern anfahren und vor Ort den Kaffeepreis und die Menge verhandeln. \u00a0Da Kaffee an der B\u00f6rse gehandelt wird, kann der Preis in Jahren mit wenig Kaffee auch mal h\u00f6her sein, als das, was die Kooperative den Bauern zahlt.\u00a0 Das Problem ist hier die Nachhaltigkeit, denn im n\u00e4chsten Jahr kann der Kaffeepreis viel niedriger liegen und das ist nat\u00fcrlich schlecht f\u00fcr die Bauern. Deshalb sind uns stabile Partnerschaften wichtig, bei denen wir auch gro\u00dfe Teil vorfinanzieren und die den Bauern eine zuverl\u00e4ssige Lebensgrundlage bieten, unabh\u00e4ngig vom Kaffeepreis an der B\u00f6rse.\u201c<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Auf meiner \u201eFairtrade Journey\u201c habe ich mit vielen Menschen gesprochen, die durch ihre Arbeit und konkrete Handelsbeziehungen das Leben der Menschen in den Anbaul\u00e4ndern verbessern m\u00f6chten. Zum Bespiel auch durch verschiedene \u201eFairtrade\u201c Siegel. Was h\u00e4lt Alexej davon?<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>\u201eIch finde den Ansatz grunds\u00e4tzlich sinnvoll\u201c, mein Alexej, \u201eaber man darf nicht vergessen: je gr\u00f6\u00dfer der Markt ist, desto niedriger werden die Standards. Fr\u00fcher war Fairtrade ein absolutes Nischenprodukt, das man nur im Weltladen kaufen konnte. Heute gibt es Waren mit diesem Siegel im Supermarkt und sogar bei den Discountern. Bei einer so hohen Produktion sinkt nat\u00fcrlich der Anspruch automatisch.\u201c Ich m\u00f6chte wissen, woran sich das bemerkbar macht. \u201eNa zum Beispiel daran, dass fr\u00fcher nur kleinere Bauern zertifiziert werden. Heute hast du ne Menge Plantagenwirtschaften, die auch das Fairtradesiegel bekommen.\u201c Und ja, ich erinnere mich an Rainforest Alliance zertifiziert Kaffeeplantagen auf den Galapagos Inseln. Klar, dass so ein eigentlich guter Ansatz verw\u00e4ssert wird. Schwer vorstellbar, wie die gro\u00dfen Plantagen dem gleichen \u00f6kologischen Anspruch von Diversit\u00e4t (statt Monokultur) gerecht werden sollen, wie eine von Familien betriebene Landwirtschaft, die zur Eigenversorgung oft automatisch noch andere B\u00e4ume und Pflanzen kultiviert.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Deshalb und vor allem, wegen des Solidarit\u00e4tsgedankens kommt der Kaffee beim Caf\u00e9 Libertad Kollektiv ausschlie\u00dflich aus kleinb\u00e4uerlichem Anbau. In den Hallen lagert er s\u00e4ckeweise. Als wir in ein Loch eines Sacks schauen (die S\u00e4cke werden zur Qualit\u00e4tskontrolle \u201eangestochen\u201c und eine Probe entnommen) \u2013 sehe ich, dass der Kaffee noch gr\u00fcn ist \u201eR\u00f6stet ihr selbst?\u201c frage ich. \u201eNein, daf\u00fcr haben wir eine Kooperation mit einem R\u00f6ster in Kaldenkirchen. Wir machen aber den Direktimport und den Direktvertrieb. F\u00fcr den Direktimport spielt uns der Standort Hamburg nat\u00fcrlich in die H\u00e4nde, weil wir hier den Hafen haben, in dem Containerschiffe mit Waren aus aller Welt ankommen. Die S\u00e4cke werden dann per LKW auf Paletten unten im Hof angeliefert und kommen mit dem Lastenaufzug hier zu uns in den ersten Stock. Wenn der mal kaputt ist, sehen wir alt aus.\u201c<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>\u201eUnd wie oft passiert das, dass der Aufzug ausf\u00e4llt?\u201c m\u00f6chte ich wissen. \u201eNa ja, du siehst ja selbst, dass die Hallen hier ziemlich alt sind. Und also auch der Aufzug. Aber sooft ist er zum Gl\u00fcck noch nicht ausgefallen. Wir haben schon mal \u00fcberlegt umzuziehen, aber zu diesem g\u00fcnstigen Preis w\u00fcrden wir heute in Hamburg nichts mehr bekommen. Und wir f\u00fchlen uns auch ganz wohl hier\u201c, Alexej grinst. Das kann ich verstehen, denn die alten Hallen haben ihren Charme.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Hinten der Rohkaffee, weiter vorne, auf einer Art Galerie \u00fcber dem Ganzen thronen ein paar Sofas, die zum Pause machen einladen. Darunter werden bei Punk Musik die Bestellungen der Kunden verpackt. Alexejs Kollege packt neben Kaffee auch Tomatenso\u00dfe, Nudeln und Oliven\u00f6l ein.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>\u201eDas kommt aber wohl nicht aus Mexiko, oder?\u201c frage ich. Die beiden lachen. \u201eNein, das sind Produkte von europ\u00e4ischen Kooperationspartnern aus Italien, Spanien und auch Griechenland. Wir haben einfach geschaut, wie wir unsere Produktpalette erweitern k\u00f6nnen und auf welche Produkte wir Lust haben. Wir alle m\u00f6gen gerne Pasta, also lag\u2019s nah, in Italien nach Kooperationspartnern zu suchen. Uns ist immer wichtig, dass die Initiativen m\u00f6glichst basisdemokratisch funktionieren und alle gleichberechtigt sind und etwas f\u00fcr die Dorfgemeinschaft machen. Unsere spanischen Partner zum Beispiel k\u00fcmmern sich um verwaiste Olivenhaine und lassen sie wieder aufleben, oder engagieren sich gegen den Bau einer Lithiummine <a href=\"#_edn2\">[ii]<\/a>.\u201c<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Wow, das klingt, als k\u00f6nne man hier mit einem Einkauf die Welt ein kleines bisschen besser machen. Aber ist das nicht sehr teuer? Nun ja, einige Produkte kosten schon mehr als im Supermarkt. Doch ein Vergleich mit dem billigsten Produkt aus dem Supermarkt ist nicht fair, schlie\u00dflich liegen hier ganz andere Standards zugrunde. Au\u00dferdem sind manche Produkte erstaunlich g\u00fcnstig, vor allem da durch den Direktimport und \u2013vertrieb viele Zwischenh\u00e4ndler wegfallen, die sonst noch etwas mitverdienen m\u00fcssten.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<div class=\"wp-block-image\">\r\n<figure class=\"aligncenter is-resized\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-387\" src=\"https:\/\/fairtradeajourney.org\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/20200304_165756-e1584113945695-576x1024.jpg\" alt=\"\" width=\"288\" height=\"512\" srcset=\"https:\/\/fairtradeajourney.org\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/20200304_165756-e1584113945695-576x1024.jpg 576w, https:\/\/fairtradeajourney.org\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/20200304_165756-e1584113945695-169x300.jpg 169w, https:\/\/fairtradeajourney.org\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/20200304_165756-e1584113945695-768x1365.jpg 768w, https:\/\/fairtradeajourney.org\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/20200304_165756-e1584113945695-34x60.jpg 34w\" sizes=\"(max-width: 288px) 100vw, 288px\" \/>\r\n<figcaption>Kaffee &#8220;Rebeld\u00eda&#8221; vom Caf\u00e9 Libertad Kollektiv<\/figcaption>\r\n<\/figure>\r\n<\/div>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Meinen Lieblingskaffee \u201eRebeldia\u201c gibt es schon f\u00fcr 3,80\u20ac in der 250g (Stand 01\/2020) Packung. G\u00fcnstiger gibt es einen Markenespresso im Supermarkt auch nicht. Und der ist dann weder fair noch bio und schon gar nicht direkt gehandelt.<a href=\"#_edn3\">[iii]<\/a><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Ein Grund mehr, beim Vorratseinkauf richtig zuzuschlagen \u2013 wo ich schon mal hier bin und so wandert neben Kaffee, auch noch Mate-Tee, Oliven\u00f6l und sogar Rum in meine Einkaufskiste &#8211; dem Genuss mit gutem Gewissen steht also nichts mehr im Weg!<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Du m\u00f6chtest mehr \u00fcber das Caf\u00e9 Libertad Kollektiv, sein Engagement, seine Kooperationspartner und Produkte erfahren? Dann besuche hier die Webseite: <a href=\"https:\/\/www.cafe-libertad.de\/\">https:\/\/www.cafe-libertad.de\/<\/a> <a href=\"#_edn4\">[iv]<\/a><\/p>\r\n\r\n\r\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\r\n\r\n\r\n<p><a href=\"#_ednref1\">[i]<\/a> \u201eAls <strong>Zapatistas<\/strong> bzw. <strong>Zapatisten<\/strong> werden \u00fcberwiegend <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Sozialrevolution\u00e4r\">sozialrevolution\u00e4re<\/a> <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Indigene\">indigene<\/a> <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Politik\">politische<\/a> Gruppierungen im S\u00fcden <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Mexiko\">Mexikos<\/a>, vor allem im Bundesstaat <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Chiapas\">Chiapas<\/a>, bezeichnet.\u201c [https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Zapatistas]<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p><a href=\"#_ednref2\">[ii]<\/a> <a href=\"https:\/\/www.cafe-libertad.de\/proteste-gegen-lithium-tagebau\">https:\/\/www.cafe-libertad.de\/proteste-gegen-lithium-tagebau<\/a><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p><a href=\"#_ednref3\">[iii]<\/a> Von den 2019 importierten Kaffees waren 86,5% Bio und 13,5 % konventionell oder Umstellungskaffee aus Costa Rica und Chiapas.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p><a href=\"#_ednref4\">[iv]<\/a> Dies ist KEIN Affiliatlink, d.h. ich bekomme kein Geld, wenn du hier klickst. Ich teile den Link hier aus der \u00dcberzeugung heraus, dass es sich um gute Produkte zu einem guten Preis handelt und weil ich den politischen Ansatz des Caf\u00e9 Libertad Kollektivs unterst\u00fctzen m\u00f6chte .<\/p>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein bisschen schwierig zu finden war er schon, der Eingang zum Caf\u00e9 Libertad Kollektiv hier in Hamburg-Altona \u2013 eher unscheinbar sehen die Hallen aus und auch das Schild ist eher dezent. Doch als ich dann da bin und Alexej gefunden habe, der heute mein Ansprechpartner sein wird, bin ich beeindruckt. 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